Regiekommentar

Ein persönlicher Kommentar zu Beat Beat Heart und weiteren Arbeiten.
(April 2016)

Ich liebe, also spinn ich. Die Liebe ist für mich Paradox und Faszination zugleich. Bereits im Kinderkino lernte ich, dass die Liebe immer siegt und dass ein edler Ritter stets um seine Prinzessin kämpft, selbst wenn diese 100 Jahre darauf warten muss. Mit Mitte Zwanzig hatte ich dann meinen eigenen Prinzen gefunden. Doch nach ein paar glücklichen Jahren zu zweit landete ich unerwartet in einer Welt, die sich weitergedreht hatte. Das Leben als Single ist überflutet worden von Angeboten und unbegrenzten Möglichkeiten: Überall gibt es alles – und das dazu ganz unverbindlich. In der heutigen Schnelllebigkeit hat kaum jemand mehr Zeit, auf den Richtigen zu warten. Und der Mut, einfach mal das Pferd zu satteln, um um seine Angebetete zu kämpfen, ist bei den vielen Sonderangeboten fürs schnelle Glück verloren gegangen. Doch ich wollte meinen Glauben an die Liebe nicht einfach so aufgeben. Also realisierte ich den Film Beat Beat Heart, um die romantische Hoffnung und den damit verbundenen sehnsüchtigen Schmerz zu erkunden.

Nie wartete ich so aktiv wie damals, als ich liebte. Die Menschen im Film gehen daher Wege und erleben Dinge, die ich in der Single-Welt selbst erlebt und beobachtet habe: Sie stürzen ab und sich hinein. Sie träumen und sie warten. Sie halten fest und lassen los. Und dann warten sie nicht mehr und hoffen dabei immer wieder auf‛s Neue, dass sich ihre heimliche Geduld doch noch irgendwann auszahlt. Der Film ist eine Komödie über die Liebe und die Sehnsucht. Er spielt mit den romantischen Vorstellungen, die wir seit unserer Kindheit in uns tragen und verdrängen müssen, wenn wir älter werden. Denn wer heute noch an die Liebe glaubt, muss wohl verrückt sein.


Meine Filme und die Liebe – eine Auswahl.

Beat Beat Heart (2016) über das Warten, das Loslassen, das Nicht-alleine-sein-können, das Sich-neu-verlieben. Der Tochter, der Mutter, des Pärchens von nebenan, der Mitbewohnerin und des Mannes, der niemals verschwindet, aber auch nicht mehr zurück kommen wird. || Kalt Küssen (2014) über die ersten Schmetterlinge in den Bäuchen zweier Jungendlicher und den Verlust ihrer kindlichen Unschuld. || Emmas Welt (2013) über eine junge Frau, die eigentlich nur eine Wohnung, einen Job, einen Mann und ein bisschen Schokolade zum glücklich sein braucht. || Courtage (2012) über eine Wohnungsbesichtigung, die unerwartet in romantischer Zweisamkeit mit der Maklerin endet. || Atypical (2012) über das Leben und den Kampf einer intersexuellen Frau, auch ohne Gebärmutter und eindeutige Geschlechtsorgane, ein Kind adoptieren zu können. || Deine Mail (2012) über die Worte einer ersten großen Liebe, die für immer geheim bleiben sollte. || Ich & Du (2011) über eine Frau, die fast so gern schlafende Hunde weckt wie ihren Mann. || Nebenan (2010) über die Irrungen und Wirrungen in einer lesbischen Wohngemeinschaft, in der jede ein Geheimnis hat, von der die andere nichts weiß. || Wenn ich eine Rose schenke… (2007) über eine heimliche Liebe zu Valentinstag || Aspekte (2006) über den Mann im weiblichen Körper eines Transgenders kurz vor seiner Operation || Close to you (2004) über romantische Träume von der Liebe und den Mut, einfach mal den Mund auf zu machen, wenn sie vor einem steht.


Die Magie des Unvorhersehbaren.

Ich arbeite mit Drehbüchern und ohne. Geschichten, Gedichte, lose miteinander verbundene Momente und Beobachtungen – das alles inspiriert mich. In Schauspielkursen habe ich die Improvisation für mich entdeckt und ich habe schnell begonnen, auch in meinen Filmen damit zu arbeiten. Denn Mut zur Ungewissheit macht frei und im abgesteckten Rahmen entsteht durch diese Freiheit, meiner Meinung nach, Magie. So habe ich zum Beispiel für Nebenan  anhand einer Outline mit den Schauspielerinnen improvisiert und erst daraufhin das Buch für den Dreh festgeschrieben. Ich & Du ist inspiriert durch meine Theaterspielerfahrung. So findet das Paar im Film nach einem Streit erst wieder auf verspielt improvisatorische Weise zueinander. Kalt Küssen habe ich mit kurzen, freien Momenten passend zum Drehbuch inszeniert, während Beat Beat Heart mein erster, komplett improvisierter Spielfilm ist.

Ich suche in meinen Filmen stets neue Herausforderungen. Meine Erfahrung in der Arbeit mit dem Unvorhersehbaren stärkt mich als Regisseurin auch bei der Inszenierung klassischer Filme nach Drehbuch. Vertrauen, Offenheit und Flexibilität sind für mich und meine Arbeit unabdingbar.


Die Frau in meinen Filmen.

Als Regisseurin erzähle ich Geschichten von Frauen, die umgeben sind von Frauen – und Männern, für Frauen – und Männer und Menschen jedwedes weiteren Geschlechts. Alles andere gibt es meiner Meinung nach schon genug.